Für Murray Rothbard ist Anarchie kein gesetzloses Chaos, sondern eine hochgradig geordnete Privatrechtsgesellschaft (auch bekannt als Anarchokapitalismus), in der der Staat vollständig abgeschafft ist.
Rothbards Sichtweise auf die Anarchie basiert auf einer Reihe von radikalen, rechtsphilosophischen und ökonomischen Prinzipien, die er konsequent zu Ende gedacht hat:
1. Der Staat als inhärentes Unrecht und kriminelle Vereinigung
Im Gegensatz zu traditionellen politischen Denkern macht Rothbard für den Staat keine moralische Ausnahme. Er wendet dieselben moralischen Regeln, die für jedes Individuum gelten, auch auf jene Personen an, die sich „Staat“ nennen:
Steuern sind Raub: Wenn eine Privatperson unter Androhung von Gewalt Geld von anderen fordert, gilt dies als Erpressung und Diebstahl. Da der Staat seine Einnahmen ebenfalls durch Gewaltandrohung gegen den Willen der Betroffenen erzwingt, definiert Rothbard Steuern als systematischen Raub und Erpressung.
Das Gewaltmonopol ist illegitim: Der Staat beansprucht das territoriale Zwangsmonopol über alle Konflikte und die Letztentscheidung auf seinem Gebiet. Indem er konkurrierende Anbieter gewaltsam ausschließt und den Bürgern seine eigenen Richter und Polizisten aufzwingt, verletzt er systematisch das Recht.
Für Rothbard ist der Staat daher keine wohlwollende Institution, sondern eine „kriminelle Vereinigung“ und eine „Maschine des institutionalisierten Verbrechens“. Er folgert scharf: „Wenn es nach Staat geht, ist das nicht nach Recht“.
2. Recht und Ordnung ohne staatliche Gesetzgeber
Rothbard betont, dass eine Gesellschaft ohne Staat keineswegs ohne Regeln existiert. Anstelle von staatlich verordneten Gesetzen (positives Recht) beruht das Rechtssystem der Anarchie auf dem natürlichen Recht. Dieses natürliche Recht lässt sich logisch-deduktiv (praxeologisch) aus der Natur des Menschen und den unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Handelns erkennen.
Die Kernpfeiler dieses Rechtsraums sind:
Das Selbsteigentum: Jeder Mensch ist der rechtmäßige Eigentümer seines eigenen Körpers.
Die ursprüngliche Aneignung: Durch die Verbindung von eigener Arbeit mit bisher herrenlosen Ressourcen (z. B. dem Roden eines Waldes oder dem Bau eines Hauses) wird man rechtmäßiger Eigentümer dieser Güter.
Eigentumsrechte statt „Menschenrechte“: Rothbard argumentiert, dass vermeintlich abstrakte Rechte wie die Redefreiheit in Wahrheit reine Eigentumsrechte sind (z. B. das Recht, die eigenen Stimmbänder zu nutzen oder auf dem eigenen Grundstück zu sprechen). Das absolute Respektieren des Eigentums („Du gehörst dir, ich gehöre mir, deins ist deins und meins ist meins“) ist die fundamentale Norm zur Konfliktvermeidung.
3. Völlige Privatisierung aller Schutz- und Justizdienstleistungen
Auf dem Fundament des natürlichen Rechts können und sollten laut Rothbard sämtliche Dienstleistungen, die bisher dem Staat zugeschrieben wurden, privat und marktmäßig erbracht werden:
Private Schiedsgerichte (Arbitration): Anstelle staatlicher Gerichte treten im Wettbewerb stehende, private Schiedsgerichte auf. Da diese von der freiwilligen Akzeptanz und dem Vertrauen ihrer Kunden leben, haben sie das größte ökonomische Interesse daran, absolut unbefangen, fair und verlässlich zu urteilen. Sie orientieren sich dezentral an bewährten Präzedenzfällen der Common-Law-Tradition (Gewohnheitsrecht), welches sich organisch von unten nach oben (bottom-up) entwickelt.
Private Schutzgesellschaften: Polizei- und Sicherheitsdienste werden von privaten Sicherheitsfirmen oder Versicherungsgesellschaften angeboten, die die Bürger freiwillig abonnieren können.
4. Die radikale Abgrenzung von Ludwig von Mises
Hierin liegt die entscheidende Radikalisierung Mises’ durch Rothbard:
Mises verteidigte zeit seines Lebens den Minimalstaat (Minarchismus), der für Polizei, Gerichte und Landesverteidigung zuständig sein sollte, und grenzte sich deutlich vom Anarchismus ab.
Rothbard hingegen weigerte sich, eine ethische Ausnahme für den Staat zu machen. Er dachte die Eigentumsrechte konsequent zu Ende und kam zu dem Schluss, dass auch die Justiz- und Sicherheitsaufgaben ohne Qualitätsverlust und ohne moralische Widersprüche privatisiert werden müssen.
Zusammenfassend ist Anarchie für Rothbard die konsequente, logische und moralisch gerechte Verwirklichung einer völlig freien, auf Privateigentum und freiwilliger Kooperation beruhenden Gesellschaft.











